Timbuktu damals und heute

05.04.2017

In diesen Tagen jährt ein trauriges Kapitel in der Geschichte der Stadt Timbuktu im westafrikanischen Mali. Bei der gewaltsamen Einnahme durch islamistische Rebellen am 1. April 2012 änderte sich das Leben der Bewohner schlagartig. Viele der weltbekannten Bauwerke der Stadt, wie etwa die Mausoleen wurden zerstört. Nach neun Monaten wurde die Stadt von französischen und malischen Truppen zwar zurückeroberte, doch die Einnahme wirkt bis heute nach. Die historischen Ereignisse sind die Grundlage für Stephen Davies’ Jugendbuch »Blood & Ink«, ein Roman, der zum einen aus der Perspektive eines islamistischen Rebellen, zum anderen aus der einer Stadtbewohnerin geschrieben ist. Der britische Autor hat viele Jahre in Westafrika gelebt. Hier beschreibt er die gegenwärtige Situation in Timbuktu und was die Arbeit an dem Buch für ihn bedeutet hat.

»›Timbuktu‹ - Ein Wort, das oft als Metapher benutzt wird für einen abgelegenen Ort, fernab jeder Zivilisation. Aber ich bin mir sicher, ihr wisst, dass Timbuktu eine echte Stadt ist, die auf eine glanzvolle Vergangenheit zurückblickt. Als Europa noch im finsteren Mittelalter steckte, war diese Stadt bereits das Zentrum der afrikanischen Hochkultur, des Handels und der Wissenschaft.

Blick über Timbuktu nach Barth, um 1853

Timbuktus jüngste Geschichte zeugt leider von weniger Glanz. Vor fünf Jahren, am 1. April 2012, wurde die Stadt durch Tuareg-Rebellen und Islamisten der al-Qaida eingenommen. Vor fünf Jahren wurde das Leben der Stadtbewohner von einem Tag auf den anderen plötzlich von den strengen Gesetzen der Scharia bestimmt. Vor fünf Jahren begann damit auch eine spektakuläre Schmuggelaktion, die von den angesehenen Bibliothekaren der Stadt in die Wege geleitet wurde und Tausende von wertvollen alten Manuskripten vor der Zerstörung rettete.

Heute gibt es sowohl gute, als auch schlechte Nachrichten aus Timbuktu zu berichten. Die schlechte Nachricht ist, dass Banditen und radikale Islamisten immer noch in der Region wirken und in regelmäßigen Abständen Angriffe auf die Stadt ausüben. Der Einfluss extremistischer Prediger ist außerdem nicht zurückgegangen, sondern breitet sich immer weiter über die Sahara aus.

Die gute Nachricht ist, dass Timbuktu selbst und viele seiner Kulturgüter restauriert werden konnten. Einheimischen Fachleuten gelang es, zahlreiche zerstörte Tempel der Stadtheiligen wieder aufzubauen. Außerdem wurde zumindest einer der damaligen Verantwortlichen der Zerstörung von 2012 ausfindig gemacht und für neun Jahre inhaftiert. Die einzigartige ›Himmelstür‹ der Sidi-Yahia-Moschee konnte wiederhergestellt werden. Und die Werte von Timbuktu, die sogenannten ›Sieben Tore‹, blieben unangetastet: Toleranz, Ehre, Würde, Großzügigkeit, Gastfreundschaft, Aufrichtigkeit und Gerechtigkeit.

Und wie steht es um die berühmten Manuskripte? Aktuell befinden sich diese in guter Hand im Exil in Malis Hauptstadt Bamako. Hier werden sie weiterhin katalogisiert und in Stand gehalten – eine echte Herkulesaufgabe.


›Blood & Ink‹ ist im Grunde ein Thriller und eine Liebesgeschichte in einem. Als Thriller bietet das Buch Verfolgungsjagden, Schmuggelaktionen und das Mysterium einer hermetisch verschlossenen Kammer. Als Liebesgeschichte präsentiert der Roman seine beiden Protagonisten als ›Romeo und Julia in Mali‹, zwei Jugendliche, die sich trotz kultureller und religiöser Unterschiede voneinander zueinander finden.
Aufgrund seines historischen Hintergrundes beschäftigt sich mein Roman auch mit dem gewaltsamen Dschihad. Als ich im vergangenen Monat die Ehre hatte, als Gast der lit.cologne zu lesen, diskutierte ich nach meiner Lesung mit vielen Jugendlichen über mein Buch. Ihre Fragen gelangten schnell zum Kern der Sache: Was sind die Gründe für eine Radikalisierung? Ist die Religion selbst die Ursache für diesen Prozess? Hatte ich Angst vor den Reaktionen, vor Kontroversen auf mein Buch? Und schließlich: Gibt es ein Mittel gegen islamistischen Extremismus?

Mit denselben Fragen wurde kürzlich auf einer Konferenz in Wien der Direktor der privaten Bibliothèque Mamma Haïdara in Timbuktu, Abdel Kader Haïdara, konfrontiert. Er antwortete, dass er nach der Lösung auf die aktuellen Probleme in den Manuskripten Timbuktus selbst suche: ›Viele dieser alten islamischen Schriften behandeln Fragen der Konfliktlösung, viele sind bis heute nicht übersetzt oder veröffentlicht worden. Ich hoffe, dass die Schriften eines Tages zu einem besseren historischen Verständnis der Welt beitragen werden und zugleich ein Bewusstsein für die heutige Weltlage, eine Steigerung der Toleranz und einer friedlichen Kultur befördern können.‹
Ich habe keine Angst davor, dass mein Buch Kontroversen auslösen könnte. Auseinandersetzungen fördern auch Diskussionen und das ist mehr wert als jedes peinliche Schweigen. Meine größte Hoffnung ist, dass ›Blood & Ink‹ – ebenso wie Timbuktus Schriften – ein Verständnis für mehr Toleranz schafft. Zunächst (und etwas bescheidener) hoffe ich, dass euch mein Buch eine packende und berauschende Lektüre beschert.«