Interview mit Julian Sedgwick

21.08.2014

Geheimnisvolle Zirkuswelten, explosive Verfolgungsjagden und atemberaubende Action: Am 22. August erscheint mit »Der Schwarze Drache« der erste Teil der »Mysterium«-Trilogie um den halbchinesischen Waisenjungen Danny Woo. Im Interview erzählt der britische Autor Julian Sedgwick, wie er bei der Recherche vorgegangen ist, welche seine Lieblingsfigur ist, und was ihn am Zirkus bis heute fasziniert.

 

 

Die »Mysterium«-Reihe handelt von einem Zirkus, seinen Helden und ihren Geheimnissen. Warum ausgerechnet ein Zirkus?

Als ich sieben oder acht Jahre alt war, fand ich Seiltänzer wie Philippe Petit und Karl Wallenda total faszinierend. Ein guter Zirkus ermöglicht tolle Erfahrungen, die einem das Gefühl geben, am Leben zu sein. Und mir gefiel die Vorstellung eines Unternehmens mit eng miteinander verflochtenen Menschen, das ständig unterwegs ist und seine geheimnisvolle Welt mit sich nimmt. Als ich nach einem Zuhause für Danny suchte, wollte ich eine Kindheit für ihn, die ihn in der Welt herumbringt, die außerhalb des »normalen«  Lebens stattfindet und die ihm besondere Fähigkeiten verleiht.

Ist der Zirkus in Zeiten von Playstation und rasanten Computerspielen nicht etwas altmodisch?

Ja, der traditionelle Zirkus mag etwas altbacken wirken, er ist steif geworden und bringt immer das Gleiche. Aber es gibt ja auch den „Neuen Zirkus“ wie den Cirque du Soleil aus Kanada. Dieser Zirkus ist viel dunkler, kantiger, merkwürdiger – und sehr cool. Er erfindet den Zirkus neu, nämlich mit den Mitteln des Geschichtenerzählens, mit großartiger Musik, mit Schönheit und mit dem Thrill der Gefahr. Meine Söhne sind so zum Seiltanz, zum Einradfahren und zum Jonglieren gekommen. Sie lieben es, eine körperliche Fähigkeit zu erlernen, keine virtuelle, die sich hinter einem Bildschirm verbirgt. Aber wir spielen natürlich auch Wii oder Nintendo.

Haben Sie Ihren Söhnen bei der Arbeit an Ihren Büchern Auszüge daraus vorgelesen?

Meine beiden Söhne sind 18 und 15. Sie unterstützen mich sehr, aber sie sind auch sehr direkt und ehrlich. Vor allem mein jüngerer Sohn, der genau das richtige Alter hatte, als das erste Buch 2011/2012 entstand. Er hat mir einige Tipps gegeben und hatte auch eine wichtige Idee, die ich im zweiten Buch verarbeitet habe.

Wie sind Sie bei den Recherchen für die Bücher vorgegangen? Sind Sie mit einem Zirkus
gereist, haben Sie mit Künstlern gesprochen?

Ich habe mir in den letzten 20 Jahren zahlreiche Vorstellungen des »Neuen Zirkus« angesehen, auf Marktplätzen, in Kirchen, an anderen Orten. Dabei habe ich viele verschiedene Künstler kennengelernt, zum Beispiel Seiltänzer und Jongleure. Und ich habe selbst auch ein paar Kunststücke gelernt, aber die kann ich leider nicht besonders gut.

Danny ist ein Waisenkind, das in der internationalen Welt des Zirkus aufgewachsen ist und fantastische Fähigkeiten hat. Wie kam es dazu, dass Sie ihn zum Helden der Buchreihe gemacht haben?

Danny hat sich Stück für Stück materialisiert, als ich mit der Planung für die Trilogie anfing. Ich wusste, dass er ein Kosmopolit und ein Kind unter ungewöhnlichen, komplizierten und interessanten Erwachsenen sein sollte. Außerdem wusste ich, dass Danny ein gutes Herz hat und dass die Geschichte an einem Tiefpunkt in seinem Leben einsetzen sollte, als er in der Trauer um seine Eltern gefangen ist und die Welt, in der er aufgewachsen ist, in einer einzigen Nacht verloren hat. Und mir war klar, dass er im ersten Buch nur eine leise Ahnung von seinen Fähigkeiten haben sollte.

Wird Danny seine Fähigkeiten in den nächsten Bänden ausbauen und verfeinern?

Danny wird in den drei Büchern nicht viel Zeit haben, an seinen Tricks zu arbeiten. Die Trilogie deckt nur einige wenige, sehr intensive Wochen in seinem Leben ab. Hat er eine Herausforderung bestanden, wird er schon mit der nächsten konfrontiert. Die wichtige Kombination aus Improvisation, Mut und seinen Fähigkeiten, mögen sie auch nur oberflächlich erlernt sein, hilft ihm beim Überleben, auch wenn er die ganze Zeit hofft, das alles perfektionieren zu können.

Sie haben einige sehr bunte Charaktere entworfen. Welche ist Ihre Lieblingsfigur?

Das ist schwer zu sagen. Anfangs hätte es gut Zamora sein können, da er sehr früh zu meinen Figuren hinzukam – ich wollte einen kleinwüchsigen Mann, der aber keinen Clown spielt, sondern ein starker Charakter ist. Auch Sing Sing und andere Personen, die später in der Trilogie auftauchen, mag ich. Aber Danny liegt mir doch am meisten am Herzen. Und es tut mir ein bisschen leid, dass ich ihm so viele Probleme aufbürde.

Werden die Figuren alle auch in den kommenden beiden Büchern auftauchen?

Ja. Mal mehr, mal weniger. Ich will nicht zu viel verraten. Aber Sing Sing wird zu einer der wichtigsten Figuren werden.

Im Buch schicken Sie Danny nach Hongkong, wo seine Mutter aufwuchs. Sie haben schon in früheren Interviews erzählt, dass Sie selbst sehr an der asiatischen Kultur interessiert sind. Woher kommt dieses Interesse?

Ich war schon als Kind etwas sonderbar. Mit zehn Jahren begann ich mich für China, Tibet und Japan zu interessieren: für die Kultur, die Kunst, für Kampfkünste, Meditation und den Buddhismus. Damals bekam ich ein Buch über die Philosophie des Zen in die Finger, das mein Leben verändert hat. Später habe ich dann Orientalistik in Cambridge studiert, für eine japanische Akademie in Tokio gearbeitet, eine Therapieform erlernt, die mit dem Zen-Buddhismus zu tun hat, und bei Filmproduktionen in China mitgewirkt. Als ich Mysterium plante, wollte ich all das einbringen, was mich als Kind begeistert hat.

Das Buch liest sich wie ein rasanter Actionfilm. Haben Sie es in der Hoffnung geschrieben, dass es mal verfilmt wird?

Das Buch ist sogar noch schneller geworden, als ich am Anfang selbst wollte. Das hat sich beim Schreiben einfach so entwickelt. Außerdem habe ich ja einige Jahre lang Drehbücher für Filme geschrieben, das hat sicher auch den Stil des Buchs beeinflusst. Und gegen eine Verfilmung hätte ich natürlich nichts.

 

 

 

Julian Sedgwick beschloss im Alter von zwölf Jahren sich dem Schreiben zu widmen. Neben seinen Tätigkeiten als Maler, Buchhändler, Film- und Fernsehproduzent, Grafiker und Therapeut hat er dieses Ziel nie aufgegeben. Nach seinem Debüt »Mysterium« hat er eine Graphic Novel mit seinem Bruder Marcus Sedgwick, ebenfalls erfolgreicher Kinderbuch-Autor, veröffentlicht. Er lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Cambridgeshire Fens.


Alle, die neugierig geworden sind, können sich hier eine kostenlose Leseprobe zum Buch herunterladen.
Den Trailer zum Buch gibt es außerdem direkt hier zu sehen.

Der zweite Teil der »Mysterium«-Reihe erscheint im Frühjahr 2015 bei ALADIN.