Hi, I‘m Dave!

30.03.2017

Mit Lesungen aus ihren »Zara«-Bänden hat unsere Autorin Ulrike Schrimpf schon viele Kinder begeistert. Doch in der vergangenen Woche war die Berlinerin bei einer ganz besonderen Veranstaltung zu Gast: Für den Verein downsyndromberlin gab sie eine zweitägige inklusive Schreibwerkstatt. Eine Premiere. Hier erzählt die Autorin, wie es war. Die großartigen Fotos hat Mies Rogmans geschossen.

Als mir der junge Mann morgens im Berliner Weinmeisterhaus die Hand drückte und fröhlich sagte: »Hi, I‘m Dave, I like America!«, wurde mir kurz ein wenig schummerig vor Augen. Es war geplant, dass ich für den Verein downsyndromberlin eine zweitägige inklusive Schreibwerkstatt mit Kindern und jungen Menschen unterschiedlichen Alters geben sollte, die verschiedene Syndrome, darunter das Downsyndrom, hatten. Das war eine Herausforderung für mich, schlicht, weil ich es noch nie gemacht hatte. Dass auch rein englischsprachige Kinder in dem Workshop dabei wären, hatte Karoline Köppen, die Organisatorin und stellvertretende Vorsitzende des Vereins, mir nicht gesagt. Nach einer kurzen Schrecksekunde fasste ich mir ein Herz und begann, munter auf Englisch mit dem jungen Mann zu parlieren. Dave grinste mich freundlich an, nickte immer wieder mit dem Kopf und sagte: »Yes! Yes. Yes…«, bis Karoline Köppen mir zuflüsterte: »Du weißt schon, dass er sehr wohl Deutsch spricht…«

Nein, das wusste ich nicht! Woher auch? Dave hatte sich so überzeugend als Amerikaner präsentiert, dass ich keine Sekunde lang an der Wahrheit seiner Geschichte gezweifelt hatte. Ehe ich es mir versah, war ohne mein Zutun die erste Wunschgeschichte geboren: die Geschichte eines fantasievollen, witzigen jungen Mannes, Giorgio, der nach Amerika reisen möchte, sich deshalb eine falsche Identität zulegt und seine Umgebung erfolgreich täuscht.

Dave oder Giorgio, elf andere Kinder im Alter von 6 bis 15 Jahren und ich erzählten, schrieben, malten, klebten, schnupperten, schmeckten und lachten uns in den folgenden zwei Tagen durch unsere geheimen und bekannten, großen und kleinen, verrückten und banalen Wünsche. Dabei wurden wir von Karoline Köppen sowie zeitweise von den Müttern und Vätern einiger Kinder unterstützt.

Zunächst machten wir ein paar allgemeine Schreibübungen und zauberten mit unseren Vornamen, indem wir zu den einzelnen Buchstaben Geschichten erzählten. Anschließend belebten wir alle unsere Sinne, indem wir in Zweier-Gruppen neue und alte, bekannte und erfundene Wörter für verschiedenste Gerüche und Geschmäcker fanden. So versuchten wir zum Beispiel zu beschreiben, wie Bitterschokolade mit Orangen schmeckt oder geriebener Meerrettich mit Apfel, und wie Eukalyptus und das Gewürz Kurkuma riechen.

Ich hatte einen Krimskrams-Koffer mitgebracht, aus dem sich jedes Kind einen kleinen Gegenstand nehmen durfte, einen Wecker, einen Hirschkäfer aus Plastik, ein glitzerndes Armband etc., mit dessen Hilfe es eine Geschichte erfand.
Am zweiten Tag widmeten wir uns ganz dem Thema »Wünsche«. Wir notierten unsere geheimen Herzenswünsche auf einen Zettel, den niemand außer uns sehen durfte. Anschließend warf jeder eine Münze in einen imaginären Wunschbrunnen, symbolisiert durch eine Schüssel mit Wasser in der Mitte unseres Stuhlkreises, und wir stellten uns unsere Wünsche ganz fest vor unserem inneren Auge vor. Ein feierlicher Moment!

Später erstellten wir Assoziogramme zu unseren Wünschen, dachten darüber nach, wie verschieden Wünsche sein können, materiell und immateriell etc. , erzählten uns unsere eigenen Wunschgeschichten und bastelten mit Bildern, Wörtern und Sätzen, die wir aus Zeitschriften ausschnitten, Wunschcollagen, die wir in der großen Runde präsentierten. Abschließend dufte sich jedes Kind einen Glücksstern aus bunter Pappe aussuchen, auf den es seinen Herzenswunsch, einen kleinen Text oder ein Gedicht aufschreiben konnte.

Natürlich war der Workshop zwischendurch auch fordernd, und natürlich war es nicht immer leicht, die verschiedenen Persönlichkeiten, Interessen und Fähigkeiten der Kinder unter einen Hut zu bekommen. Alles in allem war es aber ein wundervolles Erlebnis! Ich war und bin immer noch angefüllt mit beglückenden Bildern und Eindrücken davon, wie freundlich, interessiert und umsichtig die Kinder miteinander umgegangen sind, und was für unglaublich vielfältige Wesen sie sind! Wir alle.