Bilderflut in Bologna

15.02.2016

Zehn Wochen bevor die Kinderbuchmesse in Bologna Anfang April ihre Tore öffnet, beginnt die Arbeit der Jury für die jährliche Illustrationsausstellung, die im Eingangsbereich der Messe gezeigt wird. Jedes Mal werden hier Zeichnungen von ca. 80 Illustratoren aus allen Teilen der Welt präsentiert, für manche der Anfang einer vielversprechenden Karriere. Für die diesjährige Ausstellung hatte Klaus Humann die Ehre, Teil dieser Auswahljury zu sein. Hier gibt er exklusive Einblicke in die Jurysitzung.

Was für eine Mammutaufgabe! Aus insgesamt 3.200 eingesandten Mappen sollten wir in nur drei Tagen die herausragenden Arbeiten heraussuchen. Die Jury bestand neben mir v.l.n.r. aus den Zeichnern Nathan Fox (New York) und Sergio Ruzzier (geboren in Mailand, lebt in New York), der Verlegerin Francine Bouchet (Joie de Lire, Genf) und dem Zeichner Taro Miura (Tokio). An einem Sonntag Mitte Januar trafen wir uns in Bologna, um uns bei einem ersten gemeinsamen Essen zu »beschnuppern«.

Am Montag ging die eigentliche Arbeit los. Als wir um neun Uhr morgens den »Sala Roma« auf dem Messegelände betraten, warf uns der Anblick dann doch um: Auf unendlich vielen Tischen waren alle Mappen ausgebreitet, die jeweils fünf Zeichnungen enthielten.

Espresso-gestärkt ging es in die erste Runde: Wir sortierten zunächst gemeinsam alle Mappen aus, die auf den ersten Blick nicht in Frage kamen. Das war noch verhältnismaßig einfach. Übrig blieben etwa 260 Kandidaten.

Am Nachmittag folgte die Feinauswahl: Jeder war mit Post-Its in »seiner« Farbe ausgestattet und markierte seine Favoriten.

Alle Bilder, an denen am Ende vier oder fünf Post-Ist klebten, kamen automatisch in die Ausstellung. Das waren allerdings nur 19. Diejenigen, die weniger Stimmen bekamen, wurden dann am nächsten Tag noch einmal ausführlich diskutiert.

Was für ein Genuss, sich die Zeit zu nehmen und Urteils-Kriterien miteinander auszutauschen. Manchmal konnte einer von uns die anderen in der Diskussion überzeugen, schnell klebten weitere drei Farben auf den Bildern, oft aber zogen wir unsere »Lieblinge« zurück, weil andere eben doch besser waren.

Am Nachmittag des dritten Arbeitstages, dem Mittwoch, stand die Auswahl fest. Aus einem sich fremden Trupp von 5 Bilderbuch-Aficionados wurde eine Gruppe von Freunden, erfüllt vom Stolz, in drei Tagen über 16.000 Zeichnungen gesehen, diskutiert  und bewertet zu haben. Wichtig war uns nicht eine Ausstellung »wie aus einem Guss«, sondern wir wollten die Vielfalt dessen zeigen, was 2015 zwischen Italien und dem Iran, Deutschland und Chile, Kanada und Moldawien entstanden ist. Urteilt selber, wenn ihr am 4. April auf die Messe kommt, ob es ein guter Jahrgang war. Überraschend war er in vielen Fällen allemal.